Monte Moro- und Antronapass

 

die zwei Fenster nach Süden

 

Die Bewohner des Antrona- und Anzascatal waren und sind unsere südlichen Nachbaren. Einzig die Bergkette vom Portjengrat bis zur Monte Rosa trennt uns von ihnen. Einem gegenseitigen Besuch steht jedoch nichts im Wege, denn fünf Bergpässe können unbeschwerlich begangen werden. Wenn auch Sonnig-, Ofental- und Mondellipass mehr von Schmugglern benutzt wurden, eigneten sich Antrona- und Monte Moropass vorzüglich für den Warenhandel und die Ein- oder Auswanderung. Diese Vermischung mit unseren südlichen Nachbarn erfolgte in grossen zeitlichen Abständen.

Das frühere grosse Problem war die Überquerung der Alpen. Einerseits stieg die Bevölkerung der Germanen derart, dass die Auswanderung die einzige Lösung war, und anderseits sehnte man sich nach einer wärmeren Gegend. Damit kam das Römerreich ins Wanken, und über den grossen Sankt Bernhard wurde eine Heerstrasse erstellt, um die Germanen zurückzuhalten. Auch Christen, die von den römischen Kaisern verfolgt wurden, flüchteten über den Jupiterberg, und römische Krämer hielten ihre Waren den Leuten im Rhonetale feil. Im 10. Jahrhundert errichteten die Augustiner Chorherren auf der Passhöhe ein Hospiz und beherbergten Reisende und halfen ihnen aus Notlagen. Sogar König Heinrich IV. überstieg im Winter 1077 den grossen Sankt Bernhard Pass, um sich in Canossa durch Papst Gregor VII. vom Kirchenbanne zu befreien.

Hundert Jahre vor der Gründung der Eidgenossenschaft wurde in der Schöllenenschlucht die Teufelsbrücke gebaut, und damit öffnete sich der zweite Alpenübergang, der Gotthardpass. Später fuhr die Gotthardpost täglich mit einem Achter-Pferde-Gespann nach dem sonnigen Süden.

Zwischen dem Grossen Sankt Bernhard und dem Gotthardpass trennte noch eine lange Alpenkette den Norden vom Süden. Wer dachte dabei an das Saastal? Dieses Tal war ursprünglich eine magere Alpweide. Sehr wahrscheinlich kamen Bauern vom Verzascatal über den Monte Moro Pass und nutzten die Distelalpe den ganzen Sommer, um im Herbst wieder nach Macugnaga zurückzukehren. Die Alphüten der Distelalpe glichen regelrechten Steinhaufen, was an den Baustil der Italiener erinnert. Auch die Fenster- und Türrahmen der Kapelle im „Lerch" waren aus grünlichen Mamorsteinen, die nur im Süden vorkommen.

Der unbeliebte reiche Graf Blandrate wurde durch Kauf Besitzer der Saaser Alpweiden oberhalb der Martiswaldbrücke. Diese Alpweiden verpachtete er jeweils. Wahrscheinlich hatte er Schwierigkeiten beim Einzug der Pachtzinse, sodass er im Jahre 1300 den Saasern alles verkaufte. Also waren zu der Zeit schon einheimische Ansiedler im Tale, die die italienischen Sennen verdrängten. Den Bauern aus dem Verzascatal blieb nur noch die Erinnerung. Oftmals kamen sie noch im Herbst über den Berg und zwangen die Sennerinnen in der Distelalpe, ihnen die gelben Alpkäslein zu geben. Einmal kam es zu einer blutigen Schlacht in der Distelalpe. Die Saaser siegten, und von da ab hatten man von diesen Räubern Ruhe. Damit sei hier gesagt, dass sich die Leute von Macugnaga nie fest im Saastal niedergelassen haben.

Das Gegenteil war der Fall. Doch es dauerte noch fast drei Jahrhunderte, bis in Stalden eine sichere Überquerung der Vispe die Besiedlung des Saastales für jedermann möglich machte. Vorher riss die Matter- und Saaservispe bei jedem Unwetter alle Brücken weg, und auch die unwegsame Eisterschlucht erschwerte die Einwanderung.

Endlich kam die Wende. Im Jahre 1564 wurde die „Kinnegga-Brücke" mit viel Mühe erstellt. Bald danach zog ein schlangenförmiger Saumpfad um Erdrücken, durch Gräben und Felswände ins Saastal hinein. Was früher der Saaser mit der „Tschiffra" auf dem Rücken vom Rhonetal herauftrug, das lud man jetzt auf die zähen Maultiere. Ganze Kolonnen besorgten den immer mehr zunehmenden Transport.

Der Ausbau der Saumstrasse durch das Furggtal und über den Monte Moro rief den Handel mit Salz, ungerösteten Kaffeebohnen und Tabakwaren ins Leben. Nicht nur Maultiere, sondern auch Pferde wurden eingesetzt. Das beweist, dass die Passstrassen breit ausgebaut waren. Auf dem Antronapass wurde mit Hilfe der Italiener aus dem Antronatal eine Felswand ausgesprengt und ob dem Tälliboden wurde die Felspartie begehbar gemacht. In dem Weiler „Zermeiggern", ob Almagell, war ein Rossstall und ein Salzlager. Für die Männer des Saastales öffnete sich ( neben Schuhmacher, Schreiner und Ofenmacher ) eine neue Verdienstquelle als Fuhrmänner. So kamen unsere Saaser nun in Kontakt mit den Leuten vom Antrona- und Verzascatal, und es begann die Auswanderung der Saaser. Einige Familien kamen später wieder über die Pässe zurück, anderen gefiel es im wärmeren Süden. Eine zweite Welle der Auswanderung setzte um die Mitte des 19. Jahrhunderts ein, weil die Verdienstquelle vom Passverkehr versiegte.

Durch die Gondoschlucht wurde nach der Mitte des 17. Jahrhunderts der Saumweg eröffnet. Kaspar Jodok von Stockalper begann mit dem Salz- und Seidenhandel. Die Maultierkolonnen pendelten pausenlos von Mailand über den Simplon und weiter durch das Rhonetal bis Lyon. Der Simplonpass ist 800 Meter tiefer als der Antrona- und Monte Moropass, weshalb die Saaserpässe nicht mehr begangen wurden. In Saas wuchs die Bevölkerung und zwang die Jungen zur Auswanderung nach der Rhoneebene, oder nach Amerika. Zur gleichen Zeit aber öffnete sich ein drittes Tor. In Pestarena, unterhalb Macugnaga, wurde goldhaltiges Erz entdeckt. In diesen Goldminen konnte man in einem Tag ebensoviel verdienen, wie in Saas in einer Woche. Das lockte neuerdings zur Auswanderung. Auch Lorenz Zurbriggen von Saas-Fee zog mit der ganzen Familie dorthin. Der kleine Matthias wurde zum weltbekannten Bergführer, aber kehrte nicht mehr nach seinem Geburtsort zurück. Um die gleiche Zeit begann auch der Bergsport, denn Edward Whymper hatte mit der Besteigung des Matterhorns die Walliseralpen weltbekannt gemacht. Saaser Bergführer gingen nach Macugnaga, um die Ostwand der Monte Rosa zu bezwingen.

Lange Jahre wurde in Macugnaga noch deutsch gesprochen. Aber immer mehr mischte man italienische Brocken hinein, bis daraus ein komischer Dialekt entstand, den heute nur noch ein paar alte Leute sprechen. Auch pflegte man den Brauch, an „Maria Himmelfahrt" und beim Kapellenfest „zur hohen Stiege" scharenweise über den Berg zu kommen. Das alles ist heute, trotz der Fahrstrasse bis Mattmark und trotz der Seilbahn von Macugnaga zum Pass, praktisch verschwunden. Die Italiener haben Saas nie zur zweiten Heimat gemacht. Hingegen ruhen viele Saaser auf dem Friedhof von Macugnaga, was die Inschriften auf den Grabkreuzen beweisen.

 

 

 

 

 

Autor: Kalbermatten Walter (Sommer 2000)